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Brexit: Warum das Vereinigte Königreich der Gewinner sein wird

Die von den Brexit-Gegnern versprochenen Worst-Case-Szenarien sind nicht eingetreten: Vom Arbeitsmarkt bis zum Wachstum bleiben die Signale auf Grün.

Von Charles-Henri Gallois, Verantwortlicher der UPR für Wirtschaftsfragen und Autor des gerade erschienenen Buches: Les Illusions économiques de l’Union européenne, Fauves éditions

Am Donnerstag, dem 12. Dezember 2019, finden im Vereinigten Königreich Parlamentswahlen statt. Dies ist die wichtigste Wahl dieses Jahrhunderts, da sie das Schicksal des Brexit entscheidet. Hier seien noch einmal die unterschiedlichen Positionen dazu zusammengefasst. Es gibt einerseits die Konservative Partei von Boris Johnson und die Brexit-Partei von Nigel Farage, die sich für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union einsetzen und damit den Willen des Volkes respektieren. Andererseits gibt es die Liberaldemokraten und die schottische SNP, die für eine völlige Annullierung des Brexit sind. Die Labour Party von Jeremy Corbyn, der Hauptgegner der Konservativen Partei, hat eine ziemlich unklare Position, mit der die Unsicherheit noch ausgezögertwird: sie will ein anderes Abkommen als das von Boris Johnson aushandeln, was jedoch ziemlich unmöglich zu sein scheint um es dann einem Referendum unterwerfen, mit der Option, in der EU zu bleiben.

Die Position der Labour Party zeigt, dass die Verfechter der EU den Willen der Wähler vom Juni 2016 völlig umkehren wollten. Diese stimmten für den Brexit und kümmerten sich nicht darum, ob es ein Abkommen geben würde oder nicht. Das Thema war nicht Bestandteil des Referendums. Die Befürworter des Verbleibens in der EU haben dann während der Kampagne wiederholt gedroht, dass es zu einem Austritt ohne Abkommen -einem harten Brexit- kommen würde. Diese Option war daher während der Abstimmung in den Köpfen der Menschen. Hätte sich die Option des Verbleibens durchgesetzt, gäbe es natürlich keine Debatte mehr daüber wie das Verbleiben aussehen sollte.

« Ein Angstprojekt »

Die « Gefahr » eines Ausstiegs ohne Abkommen war nicht die einzige Bedrohungin den Augen der Anhänger, der « Remainers », des Verbleibens in der EU. Ihr Argument war einfach, effektiv und schnell gefunden : « Wenn Sie mit Nein stimmen, wird es am Tag nach der Abstimmung eine wirtschaftliche Katastrophe geben ». Die Anhänger des Ausstiegs, die Brexiters, prangerten das « Angstprojekt » an: Es ginge darum, die Wähler zu erschrecken, damit sie „richtig“ abstimmen, das heißt, um sie in der EU zu halten.

Die Bank of England, David Cameron, George Osborne, sein Finanzminister, und sogar Barack Obama und Christine Lagarde, die hier mit „richtiger“ Einmischung glänzten, kündigten drohende Katastrophen an: den Zusammenbruch des Pfunds, den Zusammenbruch der Finanzmärkte, die Rezession des BIP, die steigende Arbeitslosigkeit, den Zusammenbruch der Investitionen, die Explosion der Inflation und den massiven Rückgang der Immobilienpreise. Die Einschüchterung war total.

Betrachten wir nun die Realität seit der Abstimmung über den Brexit im Referendum vom 23. Juni 2016, als 51,9% der Briten für den Austritt aus der EU stimmten. Mit einer Beteiligung von 72,2% war es mit 33.568.184 Wählern eine der größten demokratischen Beteiligungen in der modernen Geschichte des Vereinigten Königreichs. Nur die Parlamentswahlen von 1992 hatten mehr britische Bürger zu den Urnen geführt.

Eine wesentlich dynamischere britische Industrie

Sicher, das britische Pfund hat nach dem Referendum und dem Sieg des Brexits an Wert verloren. Am 23. Juni 2016 betrug der Wechselkurs mit dem Euro 0,76 Pfund. Zum 7. Dezember 2019 lag dieser Wert bei 0,84 Pfund. Er entspricht einer Abwertung von 10,5%. Das ist nichts Unüberwindbares: Zwischen April 2014 und März 2017 gab der Euro um 25% nach, ohne dass jemand Apokalypse geschrien hätte.

Im Gegenteil, die Abwertung des Pfunds Sterling hat die Produktion im Vereinigten Königreich begünstigt. Zwischen März 2016 und März 2017 stieg die Produktion im verarbeitenden Gewerbe um 2,7% und die Industrieproduktion um 3,2%. Ein solcher Anstieg war seit 2010 nicht mehr zu beobachten. Im Jahr 2017 betrug er 1,8%[1]. Im Zeitraum 2016-2018 durchschnittlich 1,2%, während die Industrieproduktion im Zeitraum 2001-2015 um 0,8% zurückging. Die Industrieaufträge waren im November 2017 auf dem höchsten Stand seit fast dreißig Jahren (1988)[2] !

Der Aktienmarkt im Aufwind

Was die Finanzmärkte betrifft, so lag der wichtigste britische Aktienindex, der FTSE 100, das Äquivalent zum französischen CAC 40 und dem deutschen DAX, am Abend des 23. Juni 2016 bei 6.338,10. Der Index fiel am Freitag, dem 24. Juni, um 3,15% und am Montag, dem 27. Juni, dann um 2,55%. Er stieg am Dienstag, dem 28. Juni, mit einem Plus von 2,64% wieder an und übertraf am Mittwoch, dem 29. Juni, mit 6 360,06% mit einem täglichen Plus von 3,58% das Niveau von vor der Abstimmung. Seit dem 7. Dezember 2019 liegt er nun bei 7.239,66, was einer Steigerung von 14% seit dem Zeitpunkt von vor dem Referendum entspricht. Auch hier sind wir sehr weit von dem prognostizierten Zusammenbruch entfernt.

Drei Jahre später warten wir immer noch auf diesen versprochenen Zusammenbruch.

Auch im Bereich Wachstum und Arbeitslosigkeit ist die Katastrophe nicht eingetreten. Bereits 2016 wurde eine Rezession nach der Brexit-Abstimmung vorausgesagt. Im Jahr 2016 war das Wachstum jedoch mit 1,8% das zweithöchste aller G7-Länder. Es ging sogar noch in die Höhe…. nach dem Referendum! Das Wachstum betrug 1,7% im Jahr 2017 und 1,3% im Jahr 2018. Drei Jahre später warten wir immer noch auf die von den « Remainers » versprochene Rezession!

Im Zeitraum 2016-2018 ähnelt das Wachstum dem in Frankreich. Während Italien einerseits seit der Einführung des Euro nicht gewachsen ist und sich derzeit in der Rezession befindet und andererseits die deutsche Wirtschaft, die sich verlangsamt, ebenfalls am Rande der Rezession steht, können wir sogar sehen, dass es dem Vereinigten Königreich nicht allzu schlecht geht!

Die Rückgewinnung echter Arbeitsplätze

Aber der größte Schlag für alle Propheten der Apokalypse war zweifellos die Entwicklung der Arbeitslosenquote.

Laut dem Office for National Statistics (ONS, dem britischen Gegenstück zu INSEE), lag die Arbeitslosigkeit vor dem Referendum bei 5% und sank Ende Mai 2019 auf 3,8%, die niedrigste Rate seit über 44 Jahren seit dem Winter 1974. Gleichzeitig stieg die Beschäftigungsquote von 74,2% auf 76,1%, was einen historischen Rekord darstellt.

Die schlechten Zungen, die das Thema nicht eingehend untersucht haben, erklären, dass diese Arbeitslosenquote dank Gelegenheitsjobs und Nullstundenjobs sinkt. Wenn dies in der Vergangenheit der Fall gewesen sein mag, so ist das Gegenteil seit der Entscheidung vom Juni 2016 der Fall. Die Teilzeitbeschäftigung fiel von 8,564 Millionen (27% der Arbeitsplätze) auf 8,562 Millionen (26,3% der Arbeitsplätze). Das bedeutet, dass viele der geschaffenen Arbeitsplätze auf Vollzeitbasis geschaffen wurden.

Lohnerhöhungen

Im September 2019 wurde auch berichtet, dass die Löhne im Zeitraum Mai-Juli 2019 um 4,0% und die Kaufkraft um 2,1% innerhalb eines Jahres gestiegen sind[3]. Solche Lohn- und Kaufkrafterhöhungen hatten seit 2008, also seit elf Jahren, nicht mehr stattgefunden. Wir würden eine solche Katastrophe gerne in Frankreich erleben!

Ironischerweise waren einige der größten Investoren im Vereinigten Königreich EU-Unternehmen wie Siemens.

Eine weitere Prognose: Auch die Investitionen sollten zusammenbrechen. Auch hier ist nichts dergleichen passiert. Die von der internationalen Beratungsfirma EY im Jahr 2019 durchgeführte jährliche Erhebung über die Anlagetrends stellt das Vereinigte Königreich erstmals sogar an die Spitze der weltweiten Investitionsziele und übertrifft damit sogar die Vereinigten Staaten, eine Wirtschaft, die viel größer ist als die des Vereinigten Königreichs.

Die ausländischen Direktinvestitionen (DI) stiegen 2017 nach den neuesten verfügbaren Zahlen im Vergleich zum Vorjahr um 6%. Es gab 1.205 neue Projekte, verglichen mit 1.138 im Jahr 2016 und nur 700 im Jahr 2012. Auf die Frage nach dem Brexit antworteten 6% der Investoren, dass dies für sie die Attraktivität des Vereinigten Königreichs verringert, während 7% angaben, dass es seine Attraktivität erhöht.

Ironischerweise waren einige der größten Investoren im Vereinigten Königreich EU-Unternehmen wie Siemens oder das spanische Unternehmen CAF. Die Unternehmen, die am meisten investiert haben, sind amerikanische Unternehmen: Boeing, Apple, Google, Facebook, Amazon, Snapchat, McDonald’s, Subway, McCain Foods, etc.

Böswilligkeit und Katastrophe

Diese Liste ist natürlich nicht vollständig, aber sie spiegelt den völligen Mangel an Klarheit und gutem Willen seitens derjenigen wider, die den Zusammenbruch des Vereinigten Königreichs angekündigt haben und jetzt versuchen, sich an die wenigen schlechten Nachrichten zu klammern, damit es wie eine Katastrophe aussieht.

Laut einer Studie von PitchBook[4], die zur Eröffnung der Londoner Technologiewoche veröffentlicht wurde, ist London das führende europäische Ziel für Risikokapitalinvestitionen in neue Technologien. Das Vereinigte Königreich wurde auch von der renommierten Zeitschrift Forbes als das beste Land für Geschäfte im Jahr 2018 eingestuft[5].

Bei diesen Investitionen handelt es sich nicht um Investitionen, die über zwei oder drei Monate, sondern über mehrere Jahre getätigt werden. Die Investoren zum Zeitpunkt dieser Entscheidung hatten den Brexit bereits integriert.

Der Immobiliensektor bleibt in guter Verfassung

Im Jahr 2017 betrug die Inflation im Vereinigten Königreich 2,7%. Im Jahr 2018 waren es nur 2%. Nichts Katastrophales also. Die Löhne hingegen stiegen 2018 um 3,3%[6]. Damit ist die Kaufkraft gestiegen. Ende 2017 gab es einen sehr temporären Kaufkraftverlust, aber das ist alles schon Geschichte, denn 2019 steigen die Löhne viel schneller als die Inflation. Der durchschnittliche Anstieg der Kaufkraft liegt bei rund 1,5%.

George Osborne, ehemaliger Finanzminister, hatte noch eine weitere Angst: Die Hauspreise sollten um 18% sinken. Sie haben sich eigentlich nie wirklich entspannt. Dem ONS nach sind die Immobilienpreise sogar gestiegen um 5,2% im Jahre 2016, um 4,5% in 2017 und um 2,0% in 2018. Statt eines angekündigten Rückgangs um 18% nähern wir uns derzeit einem Anstieg um 12% von 2016 bis 2018. Darüber hinaus warten Paris und Frankfurt noch immer auf die 10.000 bis 30.000 Geldgeber, die den Kanal überqueren sollten, um nach Frankreich oder Deutschland zu flüchten.

Dieselben Menschen, die all diese apokalyptischen Prophezeiungen getroffen haben, sollten sich sehr klein machen

Das Angstprojekt hat sich als völlig unwahr erwiesen. Dieselben, die all diese apokalyptischen Prophezeiungen getroffen haben, sollten sich sehr klein machen. Und dennoch geht dieser Diskurs in den Mainstream-Medien weiter. Gerade diejenigen, die sich vor dem Referendum mit all ihren Prognosen geirrt haben, bereiten die zweite Stufe der Rakete Angstprojekt vor, indem sie behaupten, die wirkliche Katastrophe käme nach dem tatsächlichen Austritt…. Als ob alle Unternehmen diesen Austritt nicht schon seit langem einbezogen hätten……..

Die einzige Situation, die wirklich schrecklich ist, ist politisch: Wenn man die Mandatsträger und die gesamte britische Oligarchie anschaut, die sich weigert, das Votum des englischen Volkes zu akzeptieren, so kommt einem eine zornige Erinnerung an die Haltung der gesamten französischen Elite nach dem Referendum 2005 in den Sinn. Es waren die Verfechter der EU, die ein Klima der Verunsicherung schufen, indem sie versuchten, über die Abstimmung hinweg zu gehen.

Die Legitimität eines erneuten Brexits

Die Medien versuchen sogar, uns glauben zu machen, dass die Briten ihr Votum bereuen würden. Bei den Europawahlen 2019 lag die Brexit-Partei mit 30,7% der Stimmen an der Spitze, gegenüber 19,7% der zweitgrösstenPartei.

Von einer massiven Ablehnung des Brexits sind wir daher weit entfernt. Die Meinungen sind geteilt, so wie es vor der Abstimmung war. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass damals der Austritt 1,3 Millionen mehr Stimmen erhalten hat als der Verbleib, was dem Austritt alle erforderlichen demokratischen Legitimationen verleiht.

Boris Johnson wird nach meinen Prognosen diese Wahlen gewinnen und den Wunsch des britischen Volkes erfüllen, die Kontrolle über das eigene Land zurück zu gewinnen und wieder frei und unabhängig zu werden. Diejenigen, die den Brexit fürchten müssen, sind nicht die Briten, sondern die Menschen, die in der EU bleiben. Nicht umsonst hat Deutschland schon immer einen Ausstieg ohne Vertrag verhindert.

Die EU wollte, dass das Vereinigte Königreich leidet, damit andere nicht auch die Idee bekämen, sie zu verlassen

Die EU hat alles zu verlieren, daher ihre Position der totalen Unnachgiebigkeit und ihre Bereitschaft, ein Exempel zu statuieren. Anstatt ein Win-Win-Abkommen zum Schutz ihrer wirtschaftlichen Interessen abzuschließen, wollte die EU, angefangen bei dem Eurofanatiker Emmanuel Macron, dass das Vereinigte Königreich leidet, um andere nicht zum Austritt zu bewegen. Im Grunde genommen ist dies die Haltung einer Sekte, die den Anhänger bestrafen will, der seine Freiheit wiedererlangen möchte.

Die EU könnte der große Verlierer sein, weil das Vereinigte Königreich ein massives Defizit im Warenverkehr aufweist. Das Handelsdefizit mit der EU betrug 2017 fast 110 Milliarden Euro.

Es geht an Frankreichs Portemonnaie

Vor allem die übrigen Nettozahlerländer werden für die Lücke im EU-Haushalt aufkommen müssen. Der Nettobeitrag Frankreichs zum EU-Haushalt beträgt 2019 10 Milliarden Euro. Nach dem Ausscheiden des Vereinigten Königreichs könnte er in den kommenden Jahren auf 14 oder 15 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Während grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen wie Krankenhäusern oder der Instandhaltung unserer Straßen und Brücken die Ressourcen fehlen, verlieren wir an die EU-Sekte weiterhin Geld. 15 Milliarden Euro, das entspricht dem Bau von 375 Krankenhäusern! Dies entspricht auch 909 Euro pro Jahr und pro Steuerhaushalt, für den, der Einkommenssteuer bezahlt.

Viel Glück für unsere britischen Freunde, die Anfang 2020 austreten und sehr gut abschneiden werden. Es ist höchste Zeit, ihrem Beispiel zu folgen, diese wirtschaftlichen illusionären Vorstellungen nicht mehr zu fürchten, uns durch den Frexit von der EU-Sekte zu befreien und unsere Freiheit und Demokratie zurückzugewinnen.

Die im Bereich Stellungnahmen veröffentlichten Analysen sind Diskussionsbeiträge. Die Redaktion trägt keine Verantwortung.

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1] Büro für nationale Statistiken (ONS).

2] Monatlicher Index der Confederation of British Industry (CBI) zur Messung gegebener Aufträge.

3] ONS.

4] Juni 2019 Studie von PitchBook.

5] Forbes, Dezember 2017.

6] ONS.

 

 

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